Mittelohrentzündung bei Kleinkindern und Babys

Mittelohrentzündung bei Kleinkindern und Babys

Die akute Mittelohrentzündung bei Kindern unter zwei Jahren soll nach aktuellen Ergebnissen grundsätzlich antibiotisch behandelt werden. Obwohl man bei älteren Kindern in den letzten Jahren empfohlen hat, zuerst abzuwarten und bei ausbleibender Besserung eine antibiotische Behandlung einzuleiten, so ist dies bei Kindern unter zwei Jahren etwas anders.

Hier empfiehlt „man“ die Antibiotikagabe in jedem Fall bei einer Otitis media.1,2 Der Goldstandard ist und bleibt Amoxicillin. Bei Unverträglichkeit weicht man auf das entsprechende Mittel aus.

Eine Forschergruppe aus den vereinigten Staaten hat nun herausgefunden, dass eine gut gemeinte Antibiotikatherapie über fünf Tage nicht so gut wirkt, wie wenn man das gleiche Antibiotikum über zehn Tage gibt.

Antibiotikum bei Kleinkindern mit Mittelohrentzündung (Otitis media) über 10 Tage?

Man untersuchte zwei Gruppen: die eine Gruppe Kinder erhielt das passende Antibiotikum über fünf Tage, die andere Gruppe über zehn Tage. Dabei fand man heraus, dass die Gruppe, die das Antibiotikum über zehn Tage erhalten haben deutlich besser abgeschnitten hat. Es kam zu deutlich weniger Therapieversagern. Des Weiteren sank auch die Infekthäufigkeit, wenn man bereits die erste Mittelohrentzündung ausreichend lange antibiotisch behandelt hat. In früheren Untersuchungen, sah man das anders und empfahl die Antibiotikagabe über nur fünf Tage.1

30 % der behandelten Kinder zeigten Nebenwirkungen auf die Antibiose im Sinne von Bauchschmerzen und Durchfall. Diese hohe Zahl gibt natürlich einiges zu denken.

Ich persönlich sehe eine unnötige antibiotische Behandlung grundsätzlich kritisch. Neulich habe ich einen Artikel gelesen, der über die medikamentöse Behandlung in der Schwangerschaft handelte. Wenn nur jeder Kranke in seinem Kopf schwanger wäre, oder der Arzt selbst den Patienten so behandeln würde, als wäre er schwanger, dann würden die oft komplett unnötigen Antibiotika nicht verordnet bzw. auch nicht von den Patienten gefordert. Dieses Problem lösen wir aber jetzt nicht in diesem Artikel, das überlassen wir weiter dem Chaos, das Dr. Google anrichtet.

Diagnostik einer Mittelohrentzündung bei Babys

Die Diagnostik einer Mittelohrentzündung bei Kindern unter zwei Jahren ist generell etwas schwierig. Viele Kinder weinen während der Untersuchung. Durch das Weinen verstärkt sich der Druck im Kopf, die Gefäße stellen sich weit, es schließt Blut in die kleinen Gefäße des Trommelfells und ein zuvor komplett unauffälliges Trommelfell sieht aus, als wäre es hochgradig entzündet. Sie selbst erleben das, wenn die Kinder beim Weinen einen hochroten Kopf bekommen.

Gerade Babys und Kleinstkinder können sich nicht ausdrücken und sagen, ob und wie lange und wo sie Schmerzen haben. So verlässt man sich eigentlich nur auf das klinische Bild und den Befund des Ohres.

In der HNO – Praxis steht noch die Tympanometrie zur Verfügung. Bei dieser Messung wird eine kleine Sonde in den Gehörgang eingeführt. Sie dient der Druckmessung im Mittelohr. Bei einer klassischen Mittelohrentzündung, hat die mit einem eitrigen Paukenerguss einhergeht, sieht man einen sogenannten flachen Kurvenverlauf.

Fazit für die Praxis

Mein Fazit aufgrund dieser Studie ist, dass wenn ich ein Antibiotikum bei einem Kleinkind für sinnvoll erachte, ich es auch in ausreichender Dosierung verordne. Es empfiehlt sich die Kontrolle nach etwa fünf Tagen, wenn es da nicht zu einer Besserung gekommen ist, wird die Strategie gewechselt. Ist es besser aber noch nicht gut, verlängert man die Antibiotikagabe.

Generell bleibt die Diagnostik einer Mittelohrentzündung dem Fachmann vorbehalten. Selbstverständlich kann der erfahrene Kinderarzt dies gut erkennen und auch entsprechend behandeln. Sollte er Kinderarzt auf ein Problem stoßen, welches er nicht lösen kann, damit er sie selbstverständlich zu einem Hals-Nasen-Ohren Arzt weiterleiten.

Der Kinderarzt ist und bleibt die erste Anlaufstelle für Sie und Ihr Kind. Er ist der Fachmann, der Lotse, der ihr liebes Kind und Sie durch die ersten Jahre seines Lebens begleitet.

Literatur

  1. Kozyrskyj AL, Hildes-Ripstein GE, Longstaffe SE, et al. Treatment of acute otitis media with a shortened course of antibiotics: a meta-analysis. JAMA. 1998;279(21):1736-1742. doi:10.1001/jama.279.21.1736.
  2. Tähtinen P a, Laine MK, Huovinen P, Jalava J, Ruuskanen O, Ruohola A. A Placebo-Controlled Trial of Antimicrobial Treatment for Acute Otitis Media. N Engl J Med. 2011;364(2):116-126. doi:10.1056/NEJMoa1007174.

 Orinalarbeit

Shortened Antimicrobial Treatment for Acute Otitis Media in Young Children

Alejandro Hoberman, M.D., Jack L. Paradise, M.D., Howard E. Rockette, Ph.D., Diana H. Kearney, R.N., C.C.R.C., Sonika Bhatnagar, M.D., M.P.H., Timothy R. Shope, M.D., M.P.H., Judith M. Martin, M.D., Marcia Kurs-Lasky, M.S., Susan J. Copelli, B.S., D. Kathleen Colborn, B.S., Stan L. Block, M.D., John J. Labella, M.D., Thomas G. Lynch, M.D., Norman L. Cohen, M.D., MaryAnn Haralam, C.R.N.P., Marcia A. Pope, R.N., Jennifer P. Nagg, R.N., Michael D. Green, M.D., M.P.H., and Nader Shaikh, M.D., M.P.H.

N Engl J Med 2016; 375:2446-2456December 22, 2016DOI: 10.1056/NEJMoa1606043